Was sind Geschlechterrollen und Geschlechterklischees?

Dieser Artikel wurde von Dr. Nihara Krause, einer ausgezeichneten beratenden klinischen Psychologin, geprüft und befürwortet.

Dr Nihara Krause, Klinische Psychologin

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Wenn ein Baby zur Welt kommt, will jeder gleich wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Sobald das Geschlecht feststeht, sieht es oft so aus, als wären ein paar grundlegende Dinge im Lebensweg des neuen Erdenbürgers schon vorgezeichnet – schließlich gibt ja unsere Gesellschaft vor, dass Jungen ganz bestimmte Sachen mögen, andere Dinge etwas für Mädchen sind.

Allerdings muss für uns nicht immer das richtig sein, was die Gesellschaft für richtig hält!

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Was ist der Unterschied zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität?

Was ist das biologische Geschlecht?

Unser Geschlecht bei der Geburt, auch das biologische Geschlecht genannt, wird durch körperliche Eigenschaften vorgegeben, mit denen wir geboren werden. Das sind Dinge wie Geschlechtsorgane, Chromosomen, Hormone und Körperbehaarung. Das ist unser Körper, unsere Anatomie. Bei der Geburt sind die meisten Menschen entweder männlich oder weiblich. Allerdings gibt es auch Menschen, die zwischengeschlechtlich geboren werden – das heißt, dass deren Geschlechtsmerkmale weder „typisch Mann“ noch „typisch Frau“ sind.

Was ist Geschlechtsidentität (Gender)?

Unsere Geschlechtsidentität drückt aus, wie wir uns selbst empfinden. Wer wir sind, was wir sind. Die meisten Gesellschaften kennen nur zwei Geschlechter, männlich und weiblich, streng am biologischen Geschlecht eines Menschen orientiert. Aber es gibt auch Menschen, die sich selbst anders empfinden, nicht streng männlich, nicht streng weiblich. Und das ist in Ordnung. Die Geschlechtsidentität ist eine ganz eigene, ganz persönliche Sache, die man respektieren sollte.

Was ist Geschlechtsausdruck?

Der Geschlechtsausdruck ist die Art und Weise, wie wir unser Geschlecht nach außen zeigen: durch unser Auftreten, die Kleidung, die Dinge, die wir tun – und mehr. Dabei kann es natürlich vorkommen, dass die Art und Weise, mit der wir unser Geschlecht zum Ausdruck bringen, von der Gesellschaft nicht als „normal“ angesehen wird, weil sie nicht ganz oder überhaupt nicht zu unserem biologischen Geschlecht passt. Auch das ist in Ordnung.

Nur weil wir weibliche Geschlechtsmerkmale haben und deswegen automatisch als Mädchen oder Frau eingestuft werden, heißt das noch lange nicht, dass wir uns auch genau so „mädchenhaft“ benehmen müssen, wie es die Gesellschaft von uns erwartet. Es gibt eine Menge Raum zwischen Schwarz und Weiß, eine Menge Raum für Flexibilität. Und es kommt recht oft vor, dass sich unser Geschlechtsausdruck immer wieder verändert, ohne dass es uns überhaupt auffällt.

Was verbindet Geschlecht und Geschlechtsidentität (Gender)?

Manchmal stimmt das Geschlecht eines Menschen, also seine körperlichen Eigenschaften, haargenau mit seiner Geschlechtsidentität, also seinem Gefühl, überein. Dafür gibt es den Fachausdruck „cissexuell“ oder „zissexuell“. Dies trifft zum Beispiel zu, wenn jemand als Mann geboren wird und sich auch rundum als Mann fühlt.

Manchmal aber stimmt das biologische Geschlecht eben nicht mit dem überein, wie sich jemand tatsächlich fühlt. Dies wird dann „transsexuell“, seit Kurzem auch „transgender“ genannt. Davon sprechen wir beispielsweise, wenn jemand körperlich als Frau geboren wird, auch weibliche Geschlechtsorgane hat, sich aber selbst als Mann oder nichtbinären (weder Mann noch Frau) Menschen empfindet.

Was sind Geschlechterrollen?

Eine Geschlechterrolle besteht aus Verhaltensweisen und Einstellungen, die von der Gesellschaft als „passend“ oder „wünschenswert“ für das jeweilige Geschlecht betrachtet werden. Dazu gehört auch, wie wir auftreten, sprechen, uns kleiden oder gar pflegen sollen.

Die Erwartungen, die an eine Geschlechterrolle gestellt werden, hängen oft stark von der jeweiligen Gesellschaft, Kultur oder Volksgruppe ab, ändern sich auch manchmal im Laufe der Zeit.

Was sind Geschlechterklischees?

Geschlechterrollen können schnell zu regelrechten Geschlechterklischees mutieren und damit vorgeben, wie Mädchen und Jungs gefälligst auszusehen, sich zu verhalten und zu fühlen haben.

Es gibt vier grundlegende Arten von Geschlechterklischees:

  • Charaktermerkmale – Beispielsweise wird von Frauen erwartet, dass sie allgemein gefühlvoll und zurückhaltend, Männer dagegen draufgängerisch und selbstbewusst sind.
  • Häusliches Verhalten – Bei Frauen erwartet man beispielsweise, dass sie sich um die Kinder kümmern, am Kochtopf stehen und das Haus sauber halten, während sich Männer mit Finanzen, dem Auto und mit Reparaturen im Haus befassen.
  • Berufe – Sehr oft verbindet man Lehr- und Pflegeberufe mit Frauen, wogegen man bei Piloten, Ärzten und Ingenieuren gewöhnlich gleich an Männer denkt.
  • Aussehen – Bei Frauen geht man davon aus, dass sie lange Haare haben und Make-up benutzen, Männer aber die Haare kurz tragen, größer und muskulöser sind.

Warum sind Geschlechterrollen und Geschlechterklischees schädlich?

Geschlechterrollen und Geschlechterklischees sind immer mit Erwartungen und einem gewissen Zwang verbunden. Die Gesellschaft erwartet, dass sich jemand auf eine bestimmte Weise verhält, fühlt und entsprechend aussieht. Aber das passt nicht unbedingt zu dem, was und wer wir sind, wie wir aussehen und wie wir uns tatsächlich fühlen. All dies kann sich recht negativ auf unser Wohlbefinden auswirken – zum Beispiel, wenn wir solche Erwartungen schlicht nicht erfüllen können oder uns nicht akzeptiert oder für voll genommen fühlen, wenn wir sind, was wir nun einmal sind.

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle nicht komplett identisch sondern individuell sind, dass weder unser Geschlecht noch unsere Geschlechtsidentität ganz klar vorgeben, wer und was wir sind – und wer und was wir nicht sein dürfen. Jeder kann mutig und tapfer sein, jeder kann den Sport oder Beruf ausüben, den er mag, jeder kann mitbestimmen. Und jeder kann weinen, Ballettstunden nehmen oder Pink tragen.

Ganz gleich, mit welchem körperlichen Geschlecht wir auch geboren wurden – wir müssen uns selbst erlauben, das Leben zu leben, das zu dem passt, was wir wirklich sind.

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So schaffst du Geschlechterrollen und Klischees aus der Welt

Sprich darüber

Sprich mit deinen Freunden, deinen Eltern und Geschwistern über Klischees, die dir auffallen. Hilf Anderen zu verstehen, wie verletzend Sexismus (also Heruntermachen wegen des Geschlechtes) und Geschlechterklischees tatsächlich sind.

Trau dich, den Mund aufzumachen

Wenn dir etwas auffällt, das dir ein schlechtes Gefühl gibt, vielleicht im Fernsehen, in einer Zeitschrift oder auf Sozialmedien – sprich es an! Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, manchmal bemerken wir Klischees überhaupt nicht, bis uns jemand mit der Nase darauf stößt.

Sei ein Vorbild

Scheu dich nicht, etwas gegen Geschlechterrollen und Geschlechterklischees zu unternehmen. Vielleicht trittst du einer Sportmannschaft bei, die fast nur aus Jungs besteht, vielleicht kehrst du bei einer Gruppenaufgabe die Chefin heraus … Wenn du eine vernünftige Gelegenheit findest, bei der du zeigen kannst, was du alles drauf hast, kannst du schnell zum Vorbild für Andere werden, die sich noch nicht so recht trauen. Nur müssen solche Dinge wirklich von Herzen und aus voller Überzeugung kommen, nicht aus blindem „Darum!“-Aktionismus.

So findest du weiteren Rat

Wenn du mit Geschlechteridentität und den damit verbundenen Erwartungen zu kämpfen hast: Du bist nicht allein! Vertrau dich deinen Eltern, einem sympathischen Lehrer oder deinen Geschwistern an, wenn du etwas seelischen Beistand gebrauchen kannst.

Also sei stolz auf das, was du bist; und lass jeden anderen sein, was er ist.

Vergiss nicht, dass dir sämtliche nur denkbaren Möglichkeiten offenstehen – unabhängig von deinem Geschlecht, deiner Geschlechtsidentität und deinem Geschlechtsausdruck. Lass dich nicht von gesellschaftlichen Zwängen und Geschlechterrollen in ein enges Rollenkorsett pressen. Jeder Mensch ist einzigartig – und genau das ist auch seine größte Stärke.

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